Whistleblowing

Die Mitglieder der Gänsewacht üben – das wird jedem Besucher unserer Webseiten in aller Regel auch schnell klar – in deutlichen Worten sachliche und begründete Kritik an Teilen der Jägerschaft. Es mag vielleicht sogar mitunter der Eindruck entstehen, unsererseits werde gleich eine ganze Gruppe von Leuten – konkret eben die sog. „Jagdausübungsberechtigten“ - über einen Kamm geschoren. Pauschalurteile sind allerdings von unserer Seite weder beabsichtigt noch bezweckt. Anzunehmen, dass es nicht auch und selbst innerhalb der Jägerschaft „Solche“ und „Solche“ gäbe, ist unsere Sache nicht.   

Selbstverständlich gibt es in den Reihen der Jäger auch selbstkritische Stimmen, welche sich mit Fehlverhalten und –Entwicklungen  innerhalb der eigenen Organisation und der Jagd als solcher auseinandersetzen. Leider findet solche, von Jägern an Jäger formulierte Kritik, in aller Regel nur begrenzte oder gar keine Wahrnehmung. Weder innerhalb der eigenen Reihen noch aßerhalb. Der Begriff „Nestbeschmutzer“ ist dabei wohl noch der harmloseste, mit welchem Kritiker aus Jägerkreisen belegt zu werden rechnen müssen. Die öffentliche Wahrnehmung wird nun einmal maßgeblich determiniert von eben jenem Bild, welches die dominante Mehrheit der Gruppenmitglieder nach außen abgibt.

Das ist uns durchaus bewusst. Mehr noch: Nicht zuletzt waren es kritische Stimmen aus den Kreisen der Jäger, welche uns zur Gründung der Gänsewacht ermunterten. Auch gilt es selbstverständlich zu differenzieren zwischen der (großen) Gruppe der „Freizeitjäger“ und der (sehr kleinen) Gruppe von Jägern, für welche aus ihrer beruflichen Tätigkeit heraus auf die Berechtigung zur Jagdausübung angewiesen sind, wie z.B. Revierförster - für welche etwa der Gebrauch von Schusswaffen eine von wohl zu überlegenden Gründen abhängige Ausnahme darstellt. An Dialogbereitschaft besteht unserer Erfahrung nach insbesondere bei Letztgenannten zumindest kein Mangel. Auch nicht an der Aufgeschlossenheit gegenüber sachlich vorgetragenen Argumenten.

Wie sich bereits aus unserer Selbstdarstellung unschwer entnehmen lässt, handelt es sich bei der „Gänsewacht“ um einen ziemlich pluralistischen Haufen von Leuten unterschiedlichster Herkunft und beruflichem Werdegang. Sogar unser gemeinsames Ziel – für mehr Transparenz der Jagd und kritische Beleuchtung der jagdlichen Praktiken, so wie den Schutz durch besagte Praktiken bedrohter Vogelarten – sollten nicht zuletzt im Interesse jedes Jägers liegen, welcher den Natur- und Artenschutz nicht nur als Alibi fürs Schießen auffasst, sondern sich selbigen vielleicht sogar zur maßgeblichen Aufgabe und zum erstrebenswerten Ziel gemacht hat. Auch wenn sich also unter unseren Mitgliedern Leute finden lassen, welche sich auf den begründeten Standpunkt stellen und für sich selbst zur Erkenntnis gelangten, die Jagd grundsätzlich und in jedem Fall abzulehnen: Die „Gänsewacht“ wird keinen aufrichtig und sachlich seitens der Jägerschaft angefragten Dialog apriori zurückweisen. Im Gegenteil.

Wer nun allerdings besagter Minderheit unter der Jägerschaft angehört, der hat in aller Regel ein nicht zu unterschätzendes Problem, sobald er sich in offenem Bekenntnis zur eigenen kritischen Einstellung positioniert. Wer auf Missstände hinweist und offen Kritik an „Seinesgleichen“ zu üben wagt – und sei diese auch noch so berechtigt – der hat fortan keinen leichten Stand. Mit vermeintlichen „Verrätern“ wird dann „kurzer Prozess“ gemacht, und innerhalb der eigenen Organisation (Jagdverband bzw. –Verein) haben diese Leute fortan gewiss keine gedeihliche Zukunft zu erwarten.

Die Frage allerdings ob jemand, der auf Missstände hinweist und zum Zwecke deren Abstellung Kritik äußert ein „Verräter“ ist, stellt sich nach unserer Ansicht gar nicht erst. Wer auf Grund interner Informationen über Rechtsbrüche und ethisch verwerfliche Praktiken Kenntnis erlangt, der ist unserer Ansicht nach daher nicht nur moralisch verpflichtet (bei Kenntnis bezüglich Straftaten kann – zu Recht - der Vorwurf der Strafvereitelung erhoben werden!) diese nach außen zu tragen.

Gänsewacht und Whistleblower


Der Begriff „Whistleblower“ bezeichnet einen Informanten, der Missstände und illegales Handeln an die Öffentlichkeit bringt.

Da nun nicht nur in einigen Bereichen der Wissenschaft (z.B. Pharmaforschung, Kernphysik etc.) ein elementares (wenn nicht gar existenzielles) öffentliches Interesse an Informationen bezüglich ethisch bedenklicher oder gar ungesetzlicher Praktiken besteht, sondern dieses Interesse in den Bereichen des Natur- und Artenschutzes vorausgesetzt werden muss (Stichwort Biodiversität bzw. anthropogen versursachtes Artensterben, Störung ökologischen Gleichgewichts usw.), sprechen wir uns für die Ausweitung des „Whistleblowing“ auf den Bereich "Jagd" aus.

Eine von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschottete Gruppe von Leuten, deren Praktiken an der Ökologie irreversiblen Schaden zu verursachen vermögen – den öffentlichen Selbstdarstellungen ist der propagandistische Charakter zu leicht zu entnehmen („Rotkäppchenerlöser“) – lässt uns leider nicht viele Alternativen übrig.

In den Bereichen der Wissenschaft wurde „whistleblowing“ übrigens nicht zuletzt durch die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW e.V.) populär, welcher seit  1999 einen Whistleblower-Preis verleiht:

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Der Begriff des "whistleblowing" (dt. "Alarmschlagen") kommt aus den USA, wo diese Form der Bürgerbeteiligung zum festen Bestandteil der politischen Kultur geworden ist. Whistleblower wenden sich aufgrund interner Kenntnisse gegen ungesetzliche, unlautere oder ethisch zweifelhafte Praktiken in ihrem Betrieb oder ihrer Dienststelle. Ihre Kritik erfolgt häufig zunächst betriebsintern. Sie dringen auf Abhilfe und verweigern u.U. auch ihre weitere Mitwirkung an der kritisierten Praxis. Haben sie damit keinen Erfolg, tragen sie gegebenenfalls ihre Kritik nach außen.
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Wir werden also auch dieser von Jägern geäußerten „Kritik nach außen“ demnächst auf den Seiten der Gänsewacht eine Plattform bieten.

Werner Hupperich