Mythen und Mysterien der Jagd

Drei Dogmen und eine Konsequenz

1. Dogma: Wenn man der Vermehrung von Gänsen nicht durch Abschuss Einhalt gebietet, vermehren sie sich ungebremst so lange, bis der Globus aus allen Nähten platzt.

Richtig ist: Die Bestandsgröße und -dichte so wie die Bestandsentwicklung richten sich nach der Kapazität des jeweiligen Lebensraums. Dies bedeutet, dass eine Vogelpopulation maximal so weit anwachsen kann, wie es die auf diese Population einwirkenden Lebensraumbedingungen erlauben. Eine "unnatürliche" Bestandsdichte kann es daher nicht geben.

Eine Bejagung vermag zwar kurzfristig die Individuenzahl zu reduzieren, doch Zuwanderung und/oder eine dadurch induzierte Erhöhung des Bruterfolgs lässt die Population innerhalb kürzester Frist wieder auf den vom Lebensraum bestimmten Wert anwachsen. Da die Population bei Erreichen der Kapazitätsgrenze des Lebensraums nicht weiter anwachsen wird, wird sie also auch ohne das Zutun des Menschen innerhalb bestimmter Werte begrenzt. "Überpopulationen" kann es daher nicht geben.

2. Dogma: Eine Jagd auf Gänse ermöglicht präzise Bestandsregulierungen, trifft ausschließlich „die Richtigen“ und bleibt somit ohne Schädigungen anderer Tiere im Jagdgebiet.

Richtig ist: Eine Bestimmung auf Artniveau bei fliegenden Gänsen fällt mitunter selbst routinierten Vogelkundlern schwer. Naturfotografen, welche sich an der Aufnahme von Vögeln im Fluge versuchen, werden wissen wovon ich rede: Ein recht kurzes Zeitfenster von wenigen Sekunden in Verbindung mit starkem Gegenlicht lassen nicht selten eine genaue Bestimmung des abgelichteten Vogels oftmals erst im Nachhinein zu. Der ernsthafte Anspruch eines Jägers, unter ganz ähnlichen Bedingungen stets vor der Schussabgabe das Tier exakt bestimmt zu haben, ist daher bestenfalls als „reines Wunschdenken“ zu bezeichnen.

Hinzu kommt die Störung anderer wildlebender Tierarten im Jagdgebiet. Tiere geschützter Arten vermögen nun einmal nicht zu differenzieren, ob der plötzliche Knall nun konkret ihnen gilt oder nicht. Eine Jagdausübung ohne negative Auswirkungen auf andere im Jagdgebiet heimische Wildtiere ist somit schlechterdings unmöglich.

3. Dogma: Gründe der „Schädlingsbekämpfung“ gebieten zwingend einen Abschuss von Gänsen.

Richtig ist: Zunächst einmal gibt es keine Schädlinge im Tierreich ohne einen Menschen, der Tiere als Schädlinge definiert. Bereits hier ist größte Vorsicht im Umgang mit dem Begriff „Schädling“ geboten. Eine präzise, den ökologischen Gesamtkomplex berücksichtigende, objektive Begründung der Klassifizierung von Tieren als „Schädlinge“ ist unabdingbar, will sich nicht derjenige des vorwandmäßigen Gebrauchs eines Schlagwortes vorhalten lassen, der den Begriff „Schädling“ verwendet.

Unbestritten ist, dass Gänse in Einzelfällen ökonomische Schäden in der Landwirtschaft herbeizuführen vermögen. Diese sind allerdings – in einigen Bundesländern wird dieses Modell bereits mit Erfolg praktiziert – vom betroffenen Landwirt plausibel zu begründen und ggfs. monetär zu entschädigen. Es ist bis heute kein einziger Fall bekannt geworden, in welchem etwa die Kühe eines Landwirts elenden Hungertodes sterben mussten, weil rastende Gänse diesen das Gras von der Weide fraßen. Auch sind bislang „rastende Gänse“ meines Wissens bis dato noch nie zur Begründung einer Insolvenz eines Landwirtschaftsbetriebs angeführt worden. Auch und insbesondere im Fall einer Bejagung (vermeintlicher oder auch tatsächlicher) „Schädlinge“ gilt es die Frage zu klären: Welche ökologischen Probleme entstehen unter Umständen durch den Versuch einer jagdlichen „Lösung“ eines anderen ökologischen (oder, wie bereits angedeutet, eines ökonomischen..) Problems? Hält die favorisierte Maßnahme „Jagd“ sämtlichen nach objektiven Kriterien getroffenen Abwägungen tatsächlich stand?

Auch gilt es nach meiner Ansicht zwingend zu differenzieren zwischen temporär auftretenden Schädigungen – im Falle auf ihrem Zug rastender Wildgänse von „Überpopulation“ reden zu wollen wäre m.E. ebenso blödsinnig wie im Falle einer „Überpopulation von Menschen an Autobahnraststätten während der Sommerferien" – und durch Bestandsentwicklungen ganzjährig präsenter Tiere. Allerdings auch bei letzteren stets unter Berücksichtigung anthropogener Faktoren in Bezug auf ihre möglicherweise ursächliche Rolle. Wenn etwa Menschen überhaupt erst jene unnatürlichen Voraussetzungen schaffen welcher es bedarf um "unnatürliche Populationsdichten" an Tieren zu ermöglichen, so ist die Ursache des Problems gewiss nicht bei den Tieren zu verorten – und jeder Gedanke einer nachhaltigen Lösung durch Abschuss schiere Illusion.

Aus gutem Grund käme wohl kein klar denkender Mensch auf den Gedanken, etwa einer Gruppe spielender Kinder ein Exekutionskommando auf den Hals zu schicken, weil bei deren Treiben vielleicht mal eine Fensterscheibe zu Bruch ging. Bei Tieren und in Bezug auf deren Klassifizierung als "Schädlinge" scheint hingegen diesbezüglich keinerlei Skrupel zu bestehen.

 

Konsequenz

Der Mensch hat sich seiner Verantwortung - nicht zuletzt während der letzten Jahrzehnte aus wissenschaftlichen Erkenntnissen der Biologie und Ökologie resultierend - zu stellen. Wenngleich sich in modernen Gesellschaften die Erkenntnis endlich – zugegeben: durchaus mit Hindernissen – durchzusetzen scheint, dass Gewalt als Mittel der Problemlösung ein doch ziemlich untaugliches ist, so fällt das verlassen festgefahrener Denkmuster für viele Menschen eine offenbar eine schier unüberwindliche Hürde dar. Das - nicht erst seit Konrad Lorenz vergleichender Verhaltensforschung obsolete – mechanistische Weltbild, gemäß welchem Tieren lediglich der Status „kleiner Roboter“ zukommt, welche jenseits aller Emotion lediglich ein ihnen vorgegebenes „Programm abspulen, hat in den Köpfen vieler Menschen ebenso seine Spuren hinterlassen wie der Irrglaube an „Konkurrenz“ zwischen Lebewesen als universelles Naturgesetz im Sinne einer Triebfeder allen tierischen wie menschlichen Lebens.

Es ist an der Zeit, die Konsequenzen aus der eigenen Erkenntnis zu ziehen. Auch uns selbst dann, wenn es dabei die eine oder andere „Heilige Kuh“ zu schlachten gilt: Dazu gehört nicht zuletzt der blinde Glaube an Brauchtum und Tradition oder der Irrsinn, Probleme gewaltsam lösen zu können. Die Wahrheit kennt keine Tabus.

Ich schließe daher mit Heinz von Foersters Theorem Nr. 3:

Die Naturgesetze werden von Menschen geschrieben. Die Gesetze der Biologie müssen sich selbst schreiben.

Werner Hupperich