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Stellungnahme gegen eine geplante Ausweitung der Jagdzeiten für Grau-, Kanada- und Nilgänse auf den Zeitraum von jeweils 16. Juli bis 31. Januar in NRW

Im "Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe" vom 12. Februar 2009 wird in einem Artikel unter der Überschrift "Neue Jagdzeiten für Gänse?" seitens NRW-Landwirtschaftsministers Eckhard Uhlenberg auf Bestrebungen des Landwirtschaftsministeriums einer Ausweitung der Jagdzeiten für Grau-, Kanada- und Nilgänse auf den Zeitraum von jeweils 16. Juli bis 31. Januar eingegangen.

"Schadensituation Kanadagänse.."
..so lautet denn auch der "Tagesordnungspunkt 7" einer für den 21. April in Mülheim a. d. Ruhr anberaumten Versammlung der örtlichen Jagdgenossenschaft, dessen Terminierung auf eine zeitnahe Umsetzung der von Minister Uhlenberg avisierten Ausweitung der Jagdzeiten NRW hindeutet.

Bevor an Hand einiger Stichpunkte auf dem "Feindbild: Gans" zugrunde liegende Dogmen  eingegangen wird, an dieser Stelle ein mir wichtig erscheinender Exkurs in Sachen "Naturverständnis". Dieses seitens der Jägerschaft verquere Naturverständnis findet im konkreten Fall seinen Niederschlag im Begriff "Schadensituation Kanadagänse", zieht sich aber tatsächlich wie ein roter Faden durch sämtliche von Jagdverbänden publizierte Stellungnahmen bzgl. "zu regulierender Bestände", ganz gleich ob es konkret um Krähen, Kormorane oder Gänse geht. Die Jägerschaft begeht u.a. regelmäßig, trotz dem sich sämtliche Jagdverbände nicht zuletzt den "Naturschutz" auf ihre Fahnen schreiben, in ihrem grenzenlosem Unverständnis ökologischer Gesamtkomplexe den Kardinalfehler, auf wildlebende Tiere den Maßstab eines rein menschlichen, synthetischen Konstrukts anzulegen: Das Privateigentum, welches sämtliche Lebewesen nach ihrer Auffassung gefälligst buchstäblich "bei Gefahr ihres Abschusses“ zu respektieren haben. Faktisch verstehen sich die Jäger deswegen keineswegs als Dienstleister an der Ökologie, sondern vielmehr als Dienstleister an der Ökonomie. Tiere, welche in ihrer Unschuld die Natur als etwas Vorgefundenes wahrnehmen, dessen Nutzbarmachung zum Erhalt des eigenen Lebens und der eigenen Art für sie eine Selbstverständlichkeit darstellt, werden so zu [kriminellen..] "Sachbeschädigern" deklariert.

Unter Sachbeschädigung versteht der Gesetzgeber die rechtswidrige Beschädigung oder Zerstörung einer fremden Sache (StGB § 303). Die solchem Unsinn essentielle Idiotie, dass zum Beispiel ein Kormoran gefälligst die Eigentumsverhältnisse eines ihm vorm Schnabel daher schwimmenden Fischs eruieren und respektieren soll, dass eine Gans sich gefälligst zunächst einmal mit dem Eigentümer einer Grasfläche arrangieren soll und eine Krähe Nüsse nur auf eigene Autos abzuwerfen hat, ist offenkundig. Um Naturschutz im Sinne ökologischer Bedürfnisse und Notwendigkeiten geht es bei der "Bekämpfung" von "Schädlingen" folglich gar nicht. Bereits die Wahl der Begriffe verrät auch in diesem Fall die zugrunde liegende Intention – und erklärt ein Stück weit die per definitionem unvereinbaren Positionen von Natur- und Tierschützern auf der einen, so wie der Jägerschaft auf der anderen Seite.

Dogmen & Fakten

I. Dogma: Die menschliche Zivilisation versinkt im Gänsekot

  • I.    Kotmengen in Deutschland: 8 kg Kot pro Individuum und Jahr x 80 Mio. Individuen ergibt 7,04 Mio. t jährlich. Nicht bei Gänsen. Bei Menschen. Dass der menschlich produzierte Haufen dabei in aller Regel von einer Wasserspülung aus dessen Blick- und Geruchsfeld abtransportiert wird, bedeutet keineswegs dessen Verschwinden ins Nirwana. Die enthaltenen Bakterien, Pilze und Viren müssen - so sie diese überhaupt erreichen - zunächst mal einen gehörigen Weg zur Kläranlage zurücklegen. Noch dramatischer stellt sich die pro Mensch mit durchschnittlich 475 Litern jährlich beträchtliche Menge an ausgeschiedenem Urin und den darin enthaltenen Arzneimittelrückständen dar. Dessen Spuren - von Kontrastmittel bis zu Psychopharmaka - lassen sich in immer mehr Gewässern nachweisen.


II. Dogma: Es gibt zu viele Gänse in NRW

  • II.    Populationsdichten: In NRW leben auf einen Quadratkilometer Fläche 0,4 Gänse. Demgegenüber allerdings 15 Hunde, 18 Katzen und sagenhafte 528 Menschen. Wer da - sowohl im übertragenen als auch im konkreten Sinne - die “größten Haufen” produziert: das stellt sich deshalb nicht einmal als rhetorische Frage. Die Populationsdichten regulieren sich im Übrigen allein über den Lebensraum der Gänse; die Legende des „fehlenden natürlichen Feindes“ nebst daraus resultierender grenzenlos wachsender Population ist längst wissenschaftlich widerlegt. Gänse besiedeln einen von ihnen als geeignet vorgefundenen Lebensraum. Wenn Menschen auf der einen Seite Parks und Grünanlagen so gestalten, dass Gänse sich dort wohl fühlen, ist es ebenso naiv wie dumm anzunehmen, es fänden sich dort keine Gänse ein. In städtischen Ballungsräumen hingegen für Gänse interessante Biotope anzulegen - und dann, wenn sich dort tatsächlich Gänse einfinden, diesen mit Schusswaffen, Gascontainern oder Giftspritzen den Garaus machen zu wollen, ist der Gipfel menschlicher Verlogenheit.


III. Dogma: Gänsekot macht Menschen tot (..oder zumindest krank)

  • III.    Gesundheitsgefährdung: Gänsekot besteht zu über 80 Prozent aus unverdautem Gras, ist weder sauer noch basisch und im Gegensatz zum Kot von Hund und Katze ausgesprochen harmlos. Entgegen einiger Presseartikel der Anti-Gänse-Kampagne löst Gänsekot keine Allergien aus. Bei den in besagten Artikeln auf Gänsekot zurückgeführten “Hautallergie” handelt es sich um durch von Schistosomatiden-Larven verursachte "Zerkarien-Dermatitis", auch Bade- oder Schwimm-Dermatitis, Reisfeldkrätze, Entenwurmkrankheit, Hundsblattern, Weiherhibbel oder swimmers itch bekannt. Allerdings sind dafür Stockenten und Wasserschnecken verantwortlich, und eben nicht die Gänse. Auch ein Zusammenhang zwischen Wasservogelvorkommen und E.coli Belastung konnte bislang nicht nachgewiesen werden. E.coli kommt weiters auch in beträchtlichem Maße in landwirtschaftlich ausgebrachter Gülle vor. Ich spare mir dabei an dieser Stelle einen Mengenvergleich zwischen Landwirtschaft und frei lebenden Gänsen.


IV. Dogma: Gänse treiben Landwirte in den Ruin

  • IV.    Durch Gänse verursachte Schäden in der Landwirtschaft: Diese können in Einzelfällen tatsächlich auftreten. Allerdings - so ist zu fordern - sind diese objektiv zu begutachten, monetär zu bewerten und ggfs. auch den betroffenen Landwirten zu entschädigen.


Fazit
Es bleibt bei nüchterner Betrachtung des behaupteten "Gänseproblems" (bis auf unter IV. genannter Ausnahme) allenfalls eine "Belästigung" derer übrig, die sich von den Tieren belästigt fühlen. Es ist daher die Frage zu stellen, ab welchem Grad des "belästigt Fühlens" dem Mensch das Recht zur Tötung der "Lästlinge" herauszunehmen zusteht.

Eine Ausweitung der Jagdzeiten auf Grau-, Kanada- und Nilgänse ist unter Zugrundelegung ökologischer Gegebenheiten und Erfordernissen aus fachlicher Sicht weder notwendig, noch ist sie aus belegten, durch Gänse verursachten ökonomischen Schäden geboten, geschweige denn, dass die unter dem Aspekt des Tier- und Naturschutzes ethisch vertretbar wäre.

Jede jagdliche Aktivität während der Sommermonate ist mit einer nicht hinnehmbaren Störung der umliegenden Fauna verbunden, ein Abschuss von flugunfähigen Gänsen während der Mauser spricht jeder "Waidgerechtigkeit" Hohn - und entlarvt unmittelbar die Floskel als solche. Auch perfide "Fang- und Vergasungsaktionen" (wie etwa 2008 auf Texel, NL  geschehen) sind in jeder Hinsicht inakzeptabel.

An alle Natur- und Tierschutzverbände ist daher der dringende Appell zu richten, alles in ihren Kräften stehende zu unternehmen, um eine Ausweitung der Jagdzeiten in NRW zu verhindern.

Werner Hupperich


Verweise zu weiterführenden Informationen zum Thema "Gänse"

i. Projektgruppe Gänseökologie der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G); http://www.anser.de/
ii. Biologische Station im Kreis Wesel (Rubrik „Tier Infos“ und dann „Vögel“); http://www.bskw.de/
iii. Neozoenberingungsprogramm von Dr. Susanne Homma und Olaf Geiter; http://de.geocities.com/ringgans/
iv. Intessengemeinschaft zum Schutz der Kanadagänse; http://www.interessengemeinschaft-zum-schutz-der-kanadagaense.de/